SMP
Crypto Tokens auf einem Smartphone
11. Juli 2017 Briefing

Steuerfragen zu Crypto Tokens

Die Begriffe „Crypto Token“, „Blockchain“ und „ICO“ sind inzwischen in aller Munde. Die im Rahmen von Initial Coin Offerings (ICOs) eingesammelten finanziellen Mittel werden immer größer, Crypto Tokens wie Bitcoin, Ether, Litecoin oder Ripple (dies sind nur einige der bekanntesten) erreichen wöchentlich neue, wenn auch volatile, Höchststände. In ebenso schneller Folge werden neue, vielversprechende Anwendungsgebiete für die dahinterstehende Technologie der Blockchain ausgemacht.

Die langfristige Perspektive für Crypto Tokens wird – zumindest für den Standort Deutschland – auch dadurch beeinflusst, wie Gewinne aus Token-Geschäften steuerlich behandelt werden, denn Marktteilnehmer richten erfahrungsgemäß ihre Investitionstätigkeit auch nach der zu erwartenden Abgabenlast aus. Dieses SMP-Briefing wirft die wichtigsten steuerlichen Fragen auf und fasst den aktuellen Diskussionsstand zusammen.

1. Ertragsteuer: Steuerfrei vs. voll steuerpflichtig

Nach ersten Äußerungen der Bundesregierung (s. Antwort auf Kleine Anfrage v. 20.6.2013, BT-Drucks. 17/14062) sind Bitcoin, die bekanntesten und gemessen an der Marktkapitalisierung (noch) wichtigsten Crypto Tokens, im Ausgangspunkt Wirtschaftsgüter und als solche in ihrer steuerlichen Behandlung zunächst vergleichbar mit Münzen, Oldtimern oder Briefmarken. Für Privatanleger hat das folgende Konsequenzen: Gewinne aus Bitcoin, die durch Kapitaleinsatz (nicht „Mining“) erworben und später veräußert werden, sind steuerfrei, sofern zwischen Erwerb und Veräußerung ein Zeitraum von mindestens einem Jahr (zehn Jahre, falls ein Token als laufende Einkunftsquelle genutzt werden kann) liegt – ein durchaus interessantes Ergebnis, wenn man sich vergegenwärtigt, dass nach Einführung der sog. Abgeltungsteuer Veräußerungsgewinne nur noch sehr selten steuerfrei erzielt werden können.

Unterjährige Veräußerungen sind hingegen voll steuerpflichtig. Eine Veräußerung ist dabei nicht nur anzunehmen, wenn erworbene Tokens für einen Preis in Euro veräußert werden, sondern auch beim Eintausch von Tokens gegen andere Wirtschaftsgüter. „Anderes Wirtschaftsgut“ kann in diesem Zusammenhang alles Mögliche sein, z.B. ein Kaffee oder aber auch ein anderer Crypto Token, bei dessen ICO man mit Bitcoin zahlt (viele kleinere Token können nur gegen andere, bekanntere Token, nicht aber gegen sog. Fiat-Währungen eingetauscht werden). Der Moment des Eintauschs ist ein steuerlicher Realisationsvorgang, so dass etwaige Kurserhöhungen innerhalb eines Jahres zwischen dem Zeitpunkt des Bitcoinerwerbs und des Eintauschs steuerpflichtige Veräußerungsgewinne sind. Im Kaffee-Beispiel profitiert der deutsche Steuerpflichtige von einer Freigrenze von bis zu EUR 600,- pro Jahr, um die ihn z.B. der US-Steuerpflichtige sehr beneidet (s. „Bitcoin taxation is broken. Here’s how to fix it“, in dem der Autor Jerry Brito eine de-minimis-Regel wie in Deutschland für kleine Gewinne vorschlägt, https://coincenter.org/entry/bitcoin-taxation-is-broken-here-s-how-to-fix-it). Im Beispiel des Tokenerwerbs mithilfe von Bitcoin wird die Grenze aber schnell ausgereizt sein. Immerhin sind Gewinne aus Bitcoin-Veräußerungen mit Verlusten aus anderen Geschäften (auch früheren verlustreichen Bitcoin-Veräußerungen) verrechen- und Verluste vortragbar.

Wie aber kann man ermitteln, ob ein veräußerter Token länger als ein Jahr gehalten wurde? Steuerrechtlich dürfte am einfachsten das sog. FIFO-Verfahren (first in - first out) anzuwenden und häufig auch von Vorteil sein. In tatsächlich-technischer Hinsicht hilft die Blockchain-Technologie, die sämtliche Transaktionen irreversibel festhält. Es gilt an dieser Stelle, die steuerrechtliche Beratung mit der technischen zu verknüpfen, denn es gibt Maßnahmen, die sicherstellen, dass die „richtigen“ Tokens veräußert werden. Dafür ist aber ein technisches Grundverständnis über die Arbeits- und Wirkungsweisen von Blockchain-Transaktionen und -Wallets notwendig.

(Deutsche) Kapitalgesellschaften profitieren von der Steuerfreiheit nicht. Im Gegenteil: Für sie sind die Erträge beim direkten Halten und Veräußern von Tokens steuerpflichtig, und zwar im Gegensatz zu Veräußerungserträgen bei Kapitalgesellschaftsanteilen zu 100 %.

2. Keine Umsatzsteuer auf Token-Transaktionen

Die Frage der Umsatzbesteuerung von Bitcoin-Transaktionen ist bereits auf EU-Ebene geklärt worden. Der EuGH (Rs. C-264/14) hält Bitcoin für Zahlungsmittel und die Transaktionen mit Verweis auf die zugrundeliegende EU-Richtlinie für umsatzsteuerfrei.

Auch wenn das Urteil spezifisch zu Bitcoin ergangen ist, sollte die Befreiung u.E. für Transaktionen sämtlicher Tokens gelten. Selbst wenn hinter „modernen“ Tokens häufig weitere Einsatzzwecke stecken (z.B. Speicherplatztausch), so hindert das nicht die Eigenschaft als Zahlungsmittel, sondern verstärkt sie im Gegenteil noch (Zahlen für Speicherplatz mit Tokens anstatt Geld). 

3. Besonderheiten für Fonds-Investments in Crypto Tokens

Die Gewinnphantasien, die die Kursentwicklungen von Bitcoin und anderen Crypto Tokens ausgelöst haben, stellen auch Manager von Tech-affinen VC-Fonds vor die Frage, ob sie nicht einen Teil des von ihnen verwalteten Geldes für den Erwerb solcher Tokens einsetzen sollen. Dabei ergeben sich einige steuerliche Besonderheiten, die Manager vor einer Kaufentscheidung beachten sollten.

  • Investorenebene: Können auch Anleger (privat oder institutionell) Tokengewinne steuerfrei vereinnahmen?
  • Vermögensverwaltung: Bleibt ein Fonds vermögensverwaltend, wenn er an ICOs teilnimmt? Gilt das auch, wenn im ICO zunächst keine Tokens selbst, sondern nur Ansprüche/Zertifikate erworben werden?
  • Carried interest I: „Infiziert“ ein Investment in Crypto Tokens den gesamten Fonds und verhindert dadurch die gesetzlich vorgesehene 40 %ige Steuerfreiheit des sog. carried interest, d.h. muss das Management eines „Mischfonds“, der sowohl in Tokens als auch in Equity-Anteile investiert, seinen gesamten carried interest (auch den aus Beteiligungsverkäufen) zu 100 % versteuern?
  • Carried interest II: Ist der carried interest, der sich aus Token-gespeisten Rückflüssen ergibt, zu 40 % steuerfrei?

Gerade auf diesen Gebieten sind Verlautbarungen der Finanzverwaltung bzw. Finanzämter noch rar. Unsere ersten – auf konkrete Einzelfälle bezogenen – Erfahrungen und Abstimmungen deuten auf Folgendes hin:

a) Folgen für die Investoren

VC Fonds sind typischerweise vermögensverwaltend tätig. Ein vermögensverwaltender Fonds ist ein materiell-steuerliches Nullum, denn aufgrund der sog. Bruchteilsbetrachtung werden den Investoren steuerlich keine Fondsanteile, sondern anteilig die vom Fonds gehaltenen Wirtschaftsgüter zugerechnet. Es ändert sich gegenüber dem oben Gesagten also nichts:

Natürliche Personen, die (ggf. über eine weitere vermögensverwaltende Personengesellschaft) in einen Fonds investieren, können von der Steuerfreiheit nach Ablauf der Spekulationsfrist profitieren. Dies kann ein ganz erheblicher selling point im Fundraising sein! Aber Achtung: Das funktioniert nur, wenn ein vermögensverwaltender Fonds direkt in Tokens investiert. Eine „verpackende“ Zwischenschaltung einer Kapitalgesellschaft, die die Token-Investments tätigt und an der der Fonds beteiligt ist, verhindert die Steuerfreiheit und führt in derselben Anlegerkonstellation zur Abgeltungsbesteuerung. Außerdem muss wieder durch technische Maßnahmen gewährleistet sein, dass das Management in der Lage ist, nachzuweisen, dass die Tokens im Verkaufszeitpunkt für mindestens ein Jahr gehalten worden sind.

Kapitalgesellschaften sind mit Token-Gewinnen, die auf sie aus einer Fondsbeteiligung entfallen, voll steuerpflichtig. Daran ändert natürlich auch die Zwischenschaltung einer (deutschen) Kapitalgesellschaft nichts – zwar kann dann je nach konkreter Ausgestaltung die Investor-Kapitalgesellschaft von der 95 %igen Steuerfreiheit profitieren, auf Ebene der Zwischengesellschaft tritt aber eine Körperschaft- und Gewerbesteuerbelastung ein.

Hier zeigt sich, dass sich je nach Investorenstruktur unterschiedliche Haltestrukturen anbieten können. Reine Token-Fonds werden über Parallelfonds-Strukturen nachdenken können, um jedem Investor eine steueroptimierte Behandlung der Rückflüsse zu gewährleisten.

b) Vermögensverwaltung

Der originäre (durch ICOs, nicht durch Mining) oder derivative (Handelsplattformen) Erwerb von Crypto Tokens führt nicht zwingend zur Gewerblichkeit eines Fonds. Es sind bei der Beurteilung u.E. – und hier scheinen uns erste Finanzämter zuzustimmen – vielmehr die allgemeinen Grundsätze anwendbar, die sich insbesondere aus den Kriterien des sog. PE-Erlasses des BMF ergeben. Das bedeutet, dass es (wie auch bei VC-Investments) auf die Umstände des konkreten Einzelfalls, vor allem aber auf die beabsichtigte Haltedauer, ankommt. Ein häufiges, „händlertypisches“ Umschlagen von Token und Ansprüchen könnte zu einer Gewerblichkeit des Fonds führen. Bei ICOs, in denen zunächst nur Ansprüche auf die spätere Übereignung erworben werden, ist daher besondere Aufmerksamkeit geboten; ebenso bei ICOs, in denen nur mit anderen Token, nicht aber mit Fiat-Währungen gezahlt werden kann.

Vorsicht: Entscheidet sich ein Fonds gegen eine Direktinvestition in Tokens und für die Zwischenschaltung einer Kapitalgesellschaft, darf der Fonds nicht in diese Kapitalgesellschaft „hineinregieren“, es sollte also niemand aus dem Fondsmanagement auch die Geschäftsführung in der die Token erwerbenden Kapitalgesellschaft übernehmen. Das könnte zur Gewerblichkeit des gesamten Fonds führen.

c) „Infizierung“ des carried interest

Der „VC-typische“ Teil des carried interest bleibt (sofern die Anforderungen des  § 18 Abs. 1 Nr. 4 EStG ansonsten grundsätzlich erfüllt sind) steuerlich jedenfalls dann privilegiert, wenn die Token-Rückflüsse kein erhebliches Ausmaß annehmen. Dies wäre, so sich diese Meinung durchsetzt, eine erhebliche Erleichterung für Fondsmanager: Sie könnten, nach Klärung weiterer gesellschaftsrechtlicher und aufsichtsrechtlicher Fragen, kleinere Testinvestitionen in Tokens tätigen, ohne um ihren Steuervorteil fürchten zu müssen.

d) Carry-Privileg für Token-Rückflüsse

Bei diesem Thema zeigt sich die Finanzverwaltung aktuell noch zurückhaltend. Und tatsächlich scheint der Wortlaut des § 18 Abs. 1 Nr. 4 EStG gegen eine Anwendung der Norm auf Crypto-Carry zu sprechen. Wir sind anderer Meinung: Das Privileg sollte laut der Gesetzesbegründung eine steuerliche Aufteilung des Carrys gerade entbehrlich machen. Überdies wird in der Begründung als Kernvoraussetzung die vorherige Rückzahlung des Kapitaleinsatzes der Investoren – und gerade nicht die Mittelherkunft –  identifiziert. Dass der Wortlaut gegen die Anwendung spricht, ist übrigens nicht verwunderlich: Die Norm wurde ca. fünf Jahre vor „Geburt“ der Bitcoin erlassen. Auch ein noch so vorausschauend handelnder Gesetzgeber hätte schlicht nicht antizipieren können, dass er, um „Wagniskapital“ zu fördern, nicht ausschließlich „Anteile an Kapitalgesellschaften“, sondern auch „digital-kryptografische Werteinheiten“ als Carry-Quelle hätte nennen müssen.

Die Einschätzungen geben unsere Ansichten zum Thema wieder, die in konkreten Einzelfällen von zuständigen Finanzämtern auch geteilt wurden. Dennoch müssen wir darauf hinweisen, dass umfassende verlässliche Äußerungen der Finanzverwaltung oder der Finanzgerichtsbarkeit fehlen. Wir raten deshalb dazu, vor einem Investment in Crypto Tokens die steuerlichen Folgen im Vorwege abzuklären, vorzugsweise in einer vom zuständigen Finanzamt erteilten verbindlichen Auskunft.